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  • AutorenbildDenise Romer

Teil 16/2 - Makanis Reise über den Atlantik

Meine Schicht begann am folgenden Morgen nochmals um 8 Uhr. Zu dieser Zeit traf ich im Salon bereits auf Martin, der seinen Morgenkaffee schlürfte. Timon befand sich oben auf der Flybridge und hatte seine Kopfhörer auf. In der Küche duftete es nach frischen Pancakes. Wieder ein herrlicher Start in einen neuen Tag auf dem Atlantik. Martin holte das Satellitentelefon aus seiner Koje und versuchte einmal mehr irgendwo eine Stelle auf dem Schiff zu finden, wo es Empfang gab. Beim letzten Versuch war er fast zwei Stunden damit beschäftigt, den nostalgisch wirkenden schwarzen Kasten zum Laufen zu bringen.



Tatsächlich liess sich das Satphone bedienen wie ein uraltes NOKIA aus den 90er Jahren.

Wir hatten festgestellt, dass wir nun bereits die Hälfte des Ozeans hinter uns gelegt hatten. Nun konnten wir die Meilen rückwärts zählen. Wir beschlossen, diesen Moment gehörig zu zelebrieren und planten einen kurzen Halt ein. Gesagt, getan. Martin  steuerte seine Makani in den Wind, hinein in die Wellen. Rückwärts nun zum Wind stehend klatschte das Wasser beim Einknicken der Yacht über das Heck über die beiden Aussen-Schwimmer. Ich hatte da meinen Füsse schon ins Wasser getaucht und testete die Temperatur des Ozeans. Dieser war angenehm war. Natürlich, wie konnte es anders sein, war der Spruch ‚wir springen in der Mitte des Atlantiks ins Wasser‘ einmal mehr ernst gemeint und so wurde auch schon getestet, wie schnell wir bei dem Wind und Wellengang abtreiben würden. Da das Segelschiff auch beigedreht noch gut einen Knoten Fahrt machte war das mit dem Boot nachschwimmen wohl eher schwierig. Ich schaute skeptisch zu meiner Crew, welche schon in den Badehosen bereit standen, um sich in die Fluten zu stürzen. Ich sah vor meinem geistigen Auge bereits die Szene des Films ‚Open Water 2‘ vor mir in welcher ebenfalls eine Crew aus dem Segelschiff ins Wasser sprang um mal kurz zu Baden. Diese hatten jedoch die Badeleiter nicht ausgeklappt und so konnte keiner mehr an Bord zurück. Über das Ende des Films bin ich mir nicht mehr sicher, aber ich glaube mich zu erinnern, dass das niemand überlebt hatte. 

Martin testete als erster den Sprung ins Wasser. War ja klar! Er war schon früher immer ein wenig draufgängerisch. Das hatte sich auch mit seinen nun 50 Lenzen nicht geändert, was doch zu einem Schmunzeln in meinem Gesicht führte. Ich war froh, dass meine Mannschaft immerhin über genügend Vernunft verfügte und die Bojenkette, die wir normalerweise dazu benutzten, um unser Surfmaterial hinter dem Schiff anzuhängen, ins Wasser zu lassen. Martin, der sich mit seinem Hechtsprung in die Wellen gestürzt hatte konnte sich gerade noch rechtzeitig am letzten Meter der Leine festhalten. Makani hatte ordentlich Strömung. Es dauerte keine 10 Sekunden, als auch der Rest der Mannschaft von Bord sprang. Nun hingen die 4 allesamt an einer Leine und ich war alleine auf dem Boot. Da ich generell wohl immer zu viel nachdachte und ich sicher war, dass ich solche Aktionen im Nachhinein bereuen würde, sprang ich kurzerhand ebenfalls ins warme Wasser. Jedoch nicht ohne mich vorher versichert zu haben, dass zumindest einer unserer Crew wieder auf dem Boot war. 

Wieder ein Punkt auf meiner Bucket-Liste mit Erlebnissen, die unglaublich genial waren und die man einmal im Leben einfach gemacht haben sollte. Nicht, dass dieses Erlebnis vor zwei Stunden bereits darauf gestanden hätte.



Für diesen Abend standen Bratwürste aus der Schweiz mit Tomaten-Spaghetti auf dem Menüplan. Selbstverständlich vom Grill. Dieser wurde etwa im gleichen Atemzug an die Reling montiert wie unser Schildkrötensegel aufgezogen. Damit hätten wir beim Vorwindkurs mehr als gemütlich das Fleisch brutzeln können. Nun war der Wind aber plötzlich um einiges stärker geworden und wir segelten mit der Genua sowie mit bereits in der ersten Stufe verkleinerten Grosssegel. Während Martin in der Küche die Spaghetti in den Topf warf und die dazu passende Sauce herstellte, versuchten die Jungs beim Grill ihr Bestes. Keine 10min später kam die Meldung von der Aussenstelle unserer Küche, dass Gian die erste Bratwurst beim Wenden direkt mit der nächsten Welle über Bord geworfen hatte. Somit blieben also nur 4 Würste für 5 Personen übrig. Hatte ich nicht beim Umräumen des Kühlschranks irgendwo in einer Ecke noch ‚Quitschkäse‘ gesehen? Den Kosenamen für den Hallumi-Grillkäse stammte noch aus der Zeit in La Rochelle. Sino meinte beim Verzehr des Hallumi, dass dieser solche Quitschgeräusche von sich geben würde. Von da weg war der Quitschkäse geboren. Und dieser lagerte nun auch schon seit La Rochelle in unserem Kühlschrank. Bei der täglichen Frischkostverarbeitung in der Makaniküche waren solche Fertigprodukte mittlerweile mehr als verpönt und die Küchencrew hatte normalerweise keinerlei Verwendung für das Ding. Nun kam der aber gerade recht, denn er musste nun als Ersatz für die, den Fischen gespendete, Wurst herhalten. Da meine Schicht um 2 Uhr nachts begann, begab ich mich schon bald darauf in meine Koje. Kaum stand ich in der Toilette, als ich gewaltig in der kleinen Box umher geworfen wurde. War ja wieder mal typisch, dass eine Welle genau dann kommen musste, wenn man sich gerade nicht festhalten konnte. Im Bett drückte ich auf die Ein-Taste des kleinen Ventilators. Ich war froh um den mobilen Luftzirkulator, denn beim Bau des Trimarans waren überall solche kleinen Deckenventilatoren eingebaut, die dann zusammen mit der Klimaanlage für angenehme Nachtruhe sorgen sollten. Nur in meiner Koje fehlte dieses kostbare Teil jedoch gänzlich. Und nun sass ich also auf meinem Bett und drückte vergeblich auf den EIN-Schalter meines Tischventilators. Genervt stelle ich das Ding in den Kasten und versuchte zu schlafen. Doch bei den bereits auf Sauna gestellten Temperaturen in meiner Koje war dies eher schwierig. Ich stand wieder auf und wollte die Treppe hoch zur Toilette, um dort wenigstens über die Dachluke meine Koje mit Frischluft zu versorgen. Die Türe liess sich jedoch nicht öffnen. Ich schlich mich also nach oben und durch Martins Zimmer in dessen Toilette. Da hatte Gian, der die Toilette mit mir teilte, wohl vergessen die Türe von innen wieder zu entriegeln. Egal, in dieser Boots-WG war kein Zimmer so wirklich ein privater Rückzugsort. Am nächsten Morgen dann erfuhr ich von Martin, was in der Nacht wieder mal alles gelaufen war. Tja, kein Tag ohne Highlight und ohne mindestens eine kleine Katastrophe.

Kaum war ich nämlich am Vorabend in meine Koje gekrochen, rollte trotz der dunkeln Nacht unübersehbar eine Riesenwelle von der Steuerbordseite auf unsere Makani zu. Diese war so gross, dass sie das komplette Deck flutete und dabei durch die offen stehenden Küchenfenster auch unseren halben Salon in ein Schwimmbad verwandelte. Dabei gelangte Wasser in die Steckdosen der Küche und verursachte einen Kurzschluss. Gleichzeitig rollte unsere Makani stark nach Backbord und brachte einmal mehr alle Gegenstände zum fliegen, welche nicht festgeschraubt waren. Timon und Martin, die zu diesem Zeitpunkt noch in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt waren, konnten gerade noch rechtzeitig die Eiswürfelmaschine retten, die Gian aus der Schweiz im Koffer mitgebracht hatte. Die erste Würfelherstellerin hatte es aus mir klar logischen Gründen, nicht mal bis zu den kanarischen Inseln geschafft. Wegen eines Lecks in der Kühlleitung, verursacht durch einen Sturz von der Küchentheke, hatte sie sich schon nach wenigen Segeltagen für immer von uns verabschiedet. Der Bohnenbehälter unserer Kaffeemaschine hatte in dieser Nacht anscheinend weniger Glück und zerstreute beim Zerbersten seine kompletten Inhalt in alle Ecken des Salon. 

Jetzt war mir auch klar, warum mein kleiner Ventilator in meiner Koje nicht funktioniert hatte und warum ich beim Zähneputzen so arg in meiner Toilettenbox an die Wand gedrückt wurde. Und es erklärte, was die Kaffeebohnen auf dem Treppenabgang zu meiner Koje verloren hatten. Erstaunlich eigentlich, dass Makani immer noch segelte.

Unser Trimaran war ein neues Segelboot in welches ich mittlerweile vollstes Vertrauen in seine Segeleigenschaften habe. Ich war auch sicher, dass wir damit definitiv nicht kentern konnten. Doch die Geräusche die Makani vermehrt von sich gab, liessen darauf schliessen, dass unser Art des Segelns bei jedem Wetter und allen Windverhältnissen unserer Yacht vielleicht doch manchmal ein wenig zu viel wurde. Es würde also spannend bleiben, wieviele Monate oder Wochen sie noch zu der etwas wilden Crew halten würde.

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