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  • AutorenbildDenise Romer

Teil 16/4- Makanis Reise über den Atlantik

Nachdem wir am nächsten Morgen das Frühstück beendet hatten, meinte Ronin hochmotiviert: „So, dänn stieg ich mal uf de Mast.“ Er wollte unbedingt nachschauen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab unsere Schildkröte wieder steigen zu lassen. Mit dem Handy bewaffnet setzte er sich in den Bootsmannstuhl und Martin zog ihn bis zum Aufhängepunkt des Wingakers. Ein wenig geknickt kam er runter und meinte, dass wir wohl Glück hatten, dass uns das Segel noch nicht vor den Bug geknallt war. Die Aufhängung war fast gänzlich durchgescheuert. Im Cockpit hielten die Männer dann Kriegsrat und tüftelten an einer Lösung des Problems. Martin inspizierte schliesslich die restlichen Seile, die momentan ihre Arbeit verrichteten. Und tatsächlich erspähte er an einer Seitenklampe das zur Genua führende Seil, welches ebenfalls gefährlich nahe an der Grenze des Belastbaren war, da sich der Leinenmantel an einer Klampe offen gerieben hatte. Kaum hatte ich mich mit meinem Laptop auf die Flybridge gesetzt kam auch schon Martin mit Nadeln und Faden zu mir hoch. Langsam hatte ich das Gefühl, dass unser Schiffsführer wohl mit allen Fähigkeiten ausgestattet war. Perfekt, um als angehender Langzeitsegler sich bei den vielen täglichen Reparaturen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Obwohl ich ihn noch nie erlebt hatte, dass er sich überhaupt aus der Ruhe bringen liess. Gemütlich setzte er sich also in den grossen Sitzsack und nahm das Polster des Sonnendecks auf seine Beine.





Mit Engelsgeduld nähte er die beiden Hälften des Reissverschlusses zusammen. Ronin startete einen zweiten Versuch, das defekte Seil oben am Mast auszutauschen und wurde im ebenfalls defekten Bootsmannstuhl mit Klettergurtzeug ein weiteres Mal in die schwindelnden Höhen gezogen. Ich beobachtete das Schauspiel von der Flybridge, im Heck des Boots. Timon und Gian standen an der Reling auf dem steuerbordseitigen Schwimmer und übersetzten die Rufe von Ronin am Mast zu Martin in den Steuerstand, als ich plötzlich Timon’s schrei hörte. „Alte! Fuck!“ Steckte doch keine 30cm vor den Jungs plötzlich der Schraubenzieher im Solarpanel, der aus 20m Höhe durch Ronin's Bootsmannstuhl gefallen war. Das hätte mal böse ins Auge gehen können.



An diesem Abend installierte Ronin den Beefer an die Gasflasche. Doch das Sturm-Feuerzeug, dessen Funke den Beefer hätte zum Laufen bringen sollen streikte und ein weiteres Feuerzeug war nicht auffindbar. Während Ronin und Timon noch versuchten, das Feuerzeug wieder mit Flüssigkeit aufzufüllen, suchten wir anderen alle Kasten nach einem zweiten Feuerzeug ab. Doch leider war überall Fehlanzeige. Da Martin seit der Ankunft auf den Kapverden Nichtraucher war, befand sich tatsächlich kein weiteres Feuerzeug mehr an Bord. Nun kam die ganze Kreativität der Crew wieder zum Vorschein. Während Martin schon nach der Bratpfanne schnappte, war Ronin wenig begeistert von der Idee. „Das machen mir jetzt sicher nid in dä Pfannä!“, entfuhr es ihm. Schnell war die Idee geboren, mittels Seilschneider ein Papier zum Brennen zu bringen, um damit den Beefer zu entzünden. Ich sah bei der Flamme schon das Boot brennen und wir in den Rettungskapseln durch den Atlantik treiben. Doch das Papier brannte irgendwie nicht richtig. Wie nun weiter? Aufgeben war keine Option. Dann kam die Idee das Papier mit dem Grill anzuzünden. Dafür musste aber erst die Gasflasche wieder an den Grill geschraubt werden. Auch das brachte nicht den gewünschten Erfolg. Ich stand in der Küche, als ich das Stichwort ‚Kerze‘ hörte. Na klar! Das hatten wir an Bord. Ich reichte Ronin die Kerze, der nun das am Grill entfachte Stück Papier an die Kerze hielt während Timon die Gasflasche vom Grill wieder auf den Beefer umschraubte und schliesslich die blaue Flamme im Beefer zu leuchten begann. Was für ein Teamwork! Der heutige Abend war mal wieder gerettet.

Langsam kam in mir die Vorfreude auf, nun endlich in der Karibik anzukommen. Nicht, dass es hier auf dem Atlantik ungemütlich wäre. So wie wir gegen Westen dahinschaukelten, glich das meistens segeltechnisch einer Kaffeefahrt ins Blaue. Aber ich träumte schon lange von Palmenstränden, weissem Sand, Wärme und Kitesurfen. Naja, das mit dem Kitesurfen musste wohl noch eine Weile warten.


Am nächsten Morgen rollten wir die Genua wieder ein. Ich löste im Anschluss das Gross von der Winch und Martin zog die Reffleinen nach unten. Zack, da flog was Schwarzes durch die Luft. Nanu, was war denn das schon wieder? Ich lief zum Vordeck und las ein viereckiges Plastikteil auf. Ich schaute zuerst fragend zu Martin ins Cockpit und hielt das Teil in die Luft. Anschliessend sah ich dem Mast entlang hoch. Hatten wir doch tatsächlich das Decklicht mit der Reffleine abgerissen. Dieses baumelte nur noch an den Anschlussdrähten am Mast.

Auch diese Reparatur musste sich gedulden. Wir holten nun trotzdem unsere Schildkröte wieder aus dem Segelsack. Mittlerweile wusste ich fast genau, welches Seil wo zu befestigen war und was es zu beachten gab. So hatten wir dann innerhalb kurzer Zeit unser Vorsegel wieder am Himmel stehen. Mich ärgerte, dass das Decklicht kaputt gegangen war. Irgendwie verging kein einziger Tag, an dem nicht mindestes etwas das Zeitliche segnete. Ich fand, es reichte langsam. So ein Tag ohne Reparaturen und ohne Katastrophe wäre schon mal sehr schön. Jemand sagte mal, dass Segeln die unbequemste Art war sich fortzubewegen und man dafür auch noch viel Geld bezahlen würde. Wie recht er damit hatte erlebten wir täglich bei uns auf dem Boot. Ich getraut mich nicht zu fragen, wieviel Geld dieser Trip seit La Rochelle bereits an Reparaturkosten verschlungen hat. Ich nahm aber an, es war schon eine ganze Menge. Ich war mehr als gespannt, was wohl noch alles auf uns zukommen würde.


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