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  • AutorenbildMartin Strobl

Hilfe - Wir stecken fest!

Die Ankerstory

Nach nunmehr etwas über drei Monaten unterwegs haben wir genau einmal in einem Hafen festgemacht – und auch dies lediglich um mit offiziellen Papieren die Ausfuhr des Schiffes aus Frankreich deklarieren zu können. Gerade die Freiheit am Anker in Buchten macht ja dieses Abenteuer zu einem grossen Teil mit aus.


So liegen wir auch diesmal wie gewohnt am Anker vor dem kleinen Hafenstädtchen Palmeira auf Sal, einer der Hauptinseln der Kap Verde. Der richtig hoch angekündigte Swell brachte dann auch die erhofften Wellen. Möglichst nahe am Surfspot ankernd waren wir dann doch auch für unser Empfinden etwas gar fest dem Wellengang ausgesetzt – mit den brechenden Wellen weniger als 100 Metern von uns entfernt. 


Da die Wellen immer noch grösser wurden, entschieden wir uns am späteren Nachmittag doch noch eine neue, etwas besser geschützte Ankerbucht ca. 5 Seemeilen weiter südlich anzusteuern. Zudem hofften wir am neuen Ort bei dieser ausserordentlichen Swellgrösse auch für uns noch surfbare Wellen zu finden. Also alles schnell klar machen, Anker hoch, Segel setzen und raumen Kurs nach Monte Leao setzen. So der Plan. 


Erstmals müssen wir aber dem Segelboot neben uns aufrufen, sich ein wenig zu verschieben. Wir vermuten, dass er seinen Anker direkt über unserem Anker zu liegen gebracht hatte. Unter Motor macht er uns also ein bisschen Platz, damit wir über den Anker fahren und diesen senkrecht hochziehen hätten können.

Beim Einziehen der Kette dann plötzlich ein Stocken der – eigentlich äusserst starken – Ankerwinch. OK, dies hatten wir auch schon mehrmals. Vermutlich war der Anker oder die Kette etwas um Steine oder Felsen verhangen, so zumindest der erste Gedanke. Alles nicht weiter schlimm und auch schon erlebt. Erstmal mit dem Schiff und etwas Schwung in die Kette reinfahren sollte eigentlich reichen, um den Anker gegen die Zugrichtung zu lösen. Aber: Fehlanzeige!


Okeeey, dann halt doch ins Wasser und mit Taucherbrille die Situation unter Wasser klären. Ronin war schnell wieder zurück an der Oberfläche und meint nur lapidar: ‚Keine Chance‘. Ungläubig packe ich selber die Taucherbrille und tauche kurz zum Anker ab. Als Folge des stark aufgewühlten Meers beträgt die Sichtweite unter Wasser gerade mal knapp eine Armlänge. Um den Anker so zu finden muss ich entlang der Ankerkette runtertauchen. Zum Glück liegt er auf nur 3 Meter Tiefe. Beim Anker angekommen kann ich dann meinen Augen kaum trauen. Unser Anker schaut nur noch zur Hälfte unter einem Felsen hervor, dessen Grösse ich bei der Sicht noch nicht mal in Gänze erkennen kann. Einmal um den Steinblock getaucht schätze ich ihn dann auf so ca. 2x3x1 Meter. Um aber dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen erkenne ich zusätzlich, dass die Ankerkette vom Anker weg erst einmal UNTER dem Felsen durchführt und erst 2 Meter auf der anderen Seite wieder hervorkommt.




Atemlos wieder an der Oberfläche ist klar: Die Taucherausrüstung muss her!

Zu zweit mit Ronin geht’s dann wieder runter, diesmal mit Sauerstoffflasche und Brechstange. Ich tauche wiederum der Kette entlang zum Anker und warte auf Ronin – doch der kommt einfach nicht! Fünf Minuten später taucht er dann doch noch hangelnd an der Kette auf. Später an Deck erfahre ich, dass er versucht hat einfach senkrecht über mir bei den Luftblasen zu mir abzutauchen, mich bei der Sicht aber nicht finden konnte. Und das in lediglich 3m Tiefe!

Jetzt also zu zweit vor Ort versuchen wir mit vereinten Kräften und mithilfe einer Brechstange den Anker irgendwie unter dem Felsen heraus zu hebeln. Die Ernüchterung kommt schnell, keinen Zentimeter können wir weder den Anker noch den Felsen bewegen. Wieder an Board sehe ich mich schon unseren extra zusätzlich angeschafften Premium-Anker bereits zu diesem frühen Stadion der Reise zurück lassen zu müssen. Oder dann ein professionelles Bergungsteam mit Kran und allem drumherum aufzubieten.


Aufgeben ist aber noch keine Option, ein neuer Plan musste her. An der Kette können wir den Anker nicht rausziehen, da diese ja unter dem Felsen durchgeht. Also werden wir ein zusätzliches Tau am Kopf des Ankers anbringen und zum Schiff führen. Dann den Anker unter Wasser von der Kette lösen (das Schiff hängt dann immer noch sicher am Tau am Anker), das Tau von der Bugklampe am Schiff auf die Heckklampen umlegen und dann mit guter Geschwindigkeit in das Seil einfahren und den Anker so rausziehen. So der nächste Plan.

Als erstes wurde eine rote Taucherboje zur besseren Auffindbarkeit mit Leine am Anker montiert. Jetzt heisst’s ja erst einmal ein paarmal runter und wieder hoch. Das geht bedeutend einfacher, wenn man nicht jedes Mal an 20 Meter Kette nachschwimmen muss sondern direkt runter zum Anker kann. Zudem stellen wir so auch sicher, dass, wenn alle Stricke reissen, wir wenigstens die Position des Ankers noch kennen.

Zuerst bringe ich also das Tau am Kopf des Ankers an und die Jungs befestigen das andere Ende am Bug vom Schiff. Wir wollen ja nicht, sobald die Kette ab ist, in die doch nahe brechenden Wellen getrieben werden.

Wieder mit der Tauchflasche unten wird schnell klar, dass bereits der zweite Teil des Plans nicht umsetzbar ist. Der Kopf der Schraube, mit welcher der Anker an der Kette befestigt ist, zeigt - natürlich - zum Felsen hin, so dass ich mit dem Schraubschlüssel nicht dazu komme. Also muss die Kette abgetrennt werden. Mit unserem Bolzen-, resp. Wantenschneider wieder zurück unter Wasser versuche ich nun also die Kette an der Stelle wo sie wieder unter dem Felsen vorkommt, durchzutrennen. Die langen Griffe eingeklemmt zwischen Bauch und Hände drücke ich mit voller Kraft zu. Erstmal passiert – natürlich – wieder mal nichts. Dann nach mehreren Anläufen plötzlich…. schwupps bin ich durch. Nur leider hat nicht die Kette nachgegeben, sondern der Wantenschneider. Na ja, ist ja eigentlich auch nur für Stahlwanten bis 15 mm gedacht. Ich traute ihm aber doch zu, auch unsere 12 mm Massivstahl Kette zu besiegen.


Ich also wieder zurück zum Schiff, nun muss halt die Metallsäge herhalten. Das Sägen unter Wasser bei praktisch null Sicht und durch den deutlich spürbaren Wellengang auch keinen Halt findend, ist dann so eine Sache für sich. Da braucht’s etwas Geduld und nicht unbedingt auch noch die plötzlich vorschiessende, und nach meinen Händen schnappende, weisse Muräne. Nun also auch noch die im nahen Felsspalt wohnende Muräne im Auge behaltend, arbeite ich mich langsam aber stetig durch das Metall. Meine Gedanken wandern hier dann natürlich auch zurück in den Hafen von La Rochelle, wo das Durchtrennen der Kette bereits an Land - und zu zweit mit Carlos - ein mühsames Unterfangen war. Na ja, hilft alles nichts. Geht nicht, gibt’s nicht. Eine weitere Tauchflaschenfüllung später ist’s dann tatsächlich geschafft und ich gebe den Jungs Bescheid zum Kette einholen. Unsere Nachbarn staunen dann nicht schlecht als am Ende der Kette kein Anker mit hochkommt.


Jetzt geht’s plötzlich Schlag auf Schlag. Timon steuert das Schiff vorwärts, sodass Ronin das am Anker angebrachte Tau vom Bug auf die hintere Klampe umlegen kann. Dann drehen sie auch schon neben mir ab und schrammen knapp an unserem Ankernachbarn vorbei. Ich will noch abtauchen und das ganze Schauspiel unter Wasser beobachten, finde den Anker jedoch in der trüben Suppe natürlich nicht mehr rechtzeitig. Und schon rummst es gehörig unter Wasser als unser 16 Tonnen Schiff mit guter Fahrt in das Tau reinfährt und den Anker mit roher Gewalt unterm Felsen herausschleudert, irgendwo ein paar Meter neben mir. Ich realisiere: nicht die beste Idee von mir am heutigen Tag ;)


Der Anker ist also frei und Ronin löst am Schiff sofort das Tau. Wir wollen ja den Anker nicht durch die halbe Bucht ziehen und allenfalls nochmals unter irgendeinem nächsten Felsen platzieren. Dank der am Anker angebrachten, roten Taucherboje können wir den Anker auch wieder lokalisieren. Nachdem ich das Tau wieder an Bord gebracht habe, kann Ronin jetzt seine Muskeln spielen lassen und den Anker von Hand hochhieven. 

Erschöpft, aber vor allem froh und stolz diese Operation erfolgreich abgeschlossen zu haben, stemme auch ich mich nun – unter Applaus der Nachbarlieger – wieder an Bord. Nach über 2 Stunden im, resp. unter Wasser und viel Planungszeit dazwischen vertagen wir – zu nun bereits fortgeschrittener Stunde – unsere geplante Standortverschiebung wohlweislich auf den nächsten Tag. Für diese Nacht verkriechen wir uns einfach mal etwas tiefer hinter die Hafenmauer in ruhigere Gewässer.

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