Makani 2.0/2- Operation am offenen Herzen
- Denise Romer
- 17. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Mittwoch 15. April 2026, 16:45 Uhr. 28°58.448’ S / 176°04.39 E (Pacific Ocean)
Am dritten Tag seit unserer Abreise aus Neuseeland segelten wir nach zwei unruhigen Tagen auf See endlich gemütlich mit Gross und Genua in Richtung Minerva Reef. Oben auf der Flybridge: Sonne im Gesicht, das Bundaberg-Getränk in der Hand und für einen kurzen, fast schon rührenden Moment das Gefühl, dass das Leben auf See tatsächlich genauso
entspannt sein könnte, wie es auf Fotos immer aussieht.

Makani glitt ruhig dahin - und bald schon zu ruhig. Der Wind wurde langsam weniger, der Baum schlug zunehmend beleidigt hin und her, und Martin mit seinem Segeltrimmoptimismus begann sofort damit die Einstellungen an den Segeln zu optimieren. Als allerletzten Versuch setzte er die Bullentalje, während ich die Frage stellte, die in solchen Momenten mal wieder etwas altklug von mir daher kam.
„Wollen wir nicht für die Nacht auf den Gennaker wechseln?“
Eigentlich klang das in meinen Ohren vernünftig. Mit dem Gennaker hätten wir einen besseren Kurs und könnten entspannter durch die Nacht der Flaute entgegen segeln. Und tatsächlich; das sah auch der Captain so. Also entschieden wir uns – nach der üblichen halben Stunde Segelboot-Bedenkzeit – dafür, ihn wieder einmal aus der Segellast hervorzukramen. Verstaubte dieser nun schon seit mehreren Wochen kläglich in der Dunkelheit des Backbordschwimmers.
Ich fragte Martin noch, ob ich für den Segelwechsel den Motor anmachen solle. Nicht aus Misstrauen, sondern die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass dies meistens genau der Moment ist, in dem Makani plötzlich wieder ihren eigenen Willen entwickelte und sich stur weigern kann sich nach der gefahrenen Halse wieder in den Wind zu stellen.
Ich stand also oben beim Cockpit, drückte den Startknopf und wartete auf das vertraute Anspringen des Motors.
Der Motor orgelte.
Und orgelte nochmals.
Aber er sprang nicht an.
Da es bereits dunkel wurde und die Genua nur noch wie ein Lappen am Seil hing, beschlossen wir, diese zur Materialschonung einzurollen. Das Gross mussten wir oben lassen, weil wir ohne Motor nicht in den Wind fahren konnten, um es später wieder hochzuziehen - falls unser Motor nicht wieder in Gang zu setzen war. Also trieben wir fortan mit Restsegel, etwas Hoffnung und erstaunlich wenig Einfluss auf die Gesamtsituation in Richtung Minerva Reef.
Immerhin kamen die Wellen aus der richtigen Richtung. Auf See zählt auch das schon fast als Luxus.
So trieben wir durch die Nacht – oder präziser gesagt: Die Makani trieb, und wir überschliefen das Ganze im abwechselnden Schichtbetrieb, mit kontrollierter Zuversicht. Unser segelndes bzw. treibendes Zuhause bringt uns normalerweise zuverlässig an Traumorte, hat aber leider auch die charmante Eigenschaft, seine ganz eigenen Nebenschauplätze zu eröffnen.
Martin blieb dabei ganz Captain: pflichtbewusst, überzeugt, dass sich eine Lösung finden würde, und mit jener beneidenswerten Ruhe, die vermutlich nur Menschen haben, die Chaos grundsätzlich eher als spannenden Zwischenstand betrachten. Ich übernahm wie üblich die Gegenposition: vernünftig sein, Risiken sehen und dabei wenigstens innerlich schon einmal beginnen, das spätere Durcheinander wieder in Kisten und Kategorien einzusortieren.
Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück begann am nächsten Morgen die Fehlersuche im Motorenraum.
Es wurde geprüft, gemessen, geschraubt, geflucht und immer mehr Werkzeug hervorgeholt. Sehr viel mehr Werkzeug.
Hinter Martin breitete sich innert kürzester Zeit ein Chaos aus, das nur für ihn selbst wahrscheinlich noch als sinnvoll geordnet durchging. Aus dem Motorenraum kamen regelmässig Anweisungen, was als Nächstes gebraucht wurde, und ich versuchte, diese Wünsche aus einem System zu erfüllen, das sich langsam in eine maritime Version einer explodierten Werkstatt verwandelte.

Die Diagnose war ernüchternd: Die Batterie für den Motor war defekt. Und die Batterie für den Generator zeigte ebenfalls deutlich zu wenig Volt. Jedes Mal, wenn wir die Zündung für den Motor einschalteten, sackte die Spannung von normalerweise rund 13 Volt auf unter 8 Volt ab.
Ein ziemlich eindeutiges Zeichen dafür, dass diese Batterie entweder innerlich bereits gekündigt hatte oder ihre Anschlüsse beschlossen hatten, sich korrosionsbedingt aus der Zusammenarbeit zu verabschieden.
Also wurde wieder gemessen, geprüft, geschraubt und gebürstet. Verkabelungen wurden kontrolliert, Kontakte mit der Drahtbürste bearbeitet und der Ursache für den Spannungsabfall mit jener Hartnäckigkeit nachgespürt, die sich auf Booten meist erst dann einstellt, wenn man längst keine andere Wahl mehr hat.

Schliesslich kamen wir auf die Idee, die Batterien von Motor und Generator zusammenzuschliessen. Martin startete den Generator welcher erfreulicherweise sofort ansprang. Für einen kurzen Moment keimte so etwas wie Hoffnung auf.
Vielleicht, ganz vielleicht, würde der Motor mit Hilfe des Generators doch noch genug Saft für einen Startversuch bekommen.
Also nächster Versuch.
Doch kaum betätigten wir den Startschalter für den Motor, passierte genau das, was man in solchen Momenten am allerwenigsten brauchen kann: Der Generator verabschiedete sich ebenfalls in den Stromausfall.
Das war nun der absolute Supergau.
Plötzlich hatten wir es geschafft, aus einem Motorproblem ein Motor-und-Generator-Problem zu machen. Eine Leistung, auf die man auf See gut und gerne verzichten konnte.
Immerhin waren die Akkus unserer Bordversorgung noch bei 100 Prozent. Den Generator brauchten wir also vorerst nicht dringend in den nächsten paar Stunden. Ein kleiner Trost in einer Situation, in der man beginnt, sich über Ladezustände zu freuen wie andere über einen Lottogewinn - in der leisen Hoffnung, dass wir vorhin nicht auch noch unseren Generator mittels Überlast exekutiert hatten.
Als erstes musste die Stromversorgung wieder sichergestellt werden. Unsere installierte Solaranlage würde uns zwar möglicherweise bis Fiji reichen. Doch auf diesen Test wollten wir uns nicht einlassen.
Vorerst blieb also nur eine Lösung: Die Batterie im Bug für Bugstrahler und Ankerwinsch musste kurz ausgebaut und in den Motorenraum geschleppt werden. Eine dieser Arbeiten, die auf einem Boot immer mit „nur schnell“ beginnen und in Wirklichkeit mit Schleppen, Fluchen und sehr unbequemen Körperhaltungen enden.
Wir schlossen die Ersatzbatterie wieder am Generator an in der Hoffnung, ihm damit wieder Leben einzuhauchen. Martin betätigte oben im Cockpit den EIN-Schalter. Unten blinkten die Lampen am Generator und mit einem lauten Brummen konnte die Ersatzbatterie unseren primären Stromhersteller wieder reanimieren. Hörbar begannen auch wir zwei wieder zu atmen - denn dies hatten wir in der Anspannung ebenfalls fast vergessen.
Nun konnten wir unsere Wiederbelebungsmassnahmen am Motor wieder aufnehmen.
Um Kabelunterbrüche vorerst auszuschliessen, schlossen wir die ‚Ersaztbatterie‘ nun direkt an die Klemmen beim Motorblock an. Ein erneuter Startversuch erfolgte durch mich im Cockpit während Martin gleichzeitig mit einem Hammer den Anlasser bearbeitete.
Der Motor sprang an. Halleluja!
Unsere Freude dauerte ungefähr drei Sekunden.
Dann sah ich in den Motorenraum und schrie nur noch:„Motor aus! Sofort!“
Aus dem oberen Teil des Motors spritzte eine schwarze Flüssigkeit wasserfallartig heraus. Öl verteilte sich über den gesamten Motorblock und lief in den Boden des Motorenraums. Martin und ich sahen uns an, beide mit genau jenem Gesichtsausdruck, den man hat, wenn man keine Diagnose braucht, um zu wissen: Das ist jetzt gar nicht gut.
Ohne Motor, ohne nennenswerten Wind und mit Minerva Reef vor uns wurde die Sache plötzlich unerfreulich. Noch unangenehmer wurde es, als ich beim Aufwischen feststellte, dass das Öl mit Wasser vermischt war.
Das war kein gutes Zeichen.Das war überhaupt kein gutes Zeichen.
Martin begann im Chaos des Motorenraums nach Reserve Ölkanistern zu suchen und wurde tatsächlich fündig. Halbwegs volle Kanister. Dann stiess er in einer hintersten Ecke sogar noch auf eine Kiste mit Ersatzteilen, von deren Existenz er offenbar selbst überrascht war.
Was, ehrlich gesagt, sehr gut zu ihm passt. Er ist ein leidenschaftlicher Abenteurer, mutiger Captain und jemand, der die Reparaturarbeiten auch gerne mal ‚kurz‘ liegen lässt, wenn etwas anderes interessanter erscheint. Leider erinnert dann auch das liegen gelassene Material an Bord Martin später genauso wenig an seine vorher mal gemachten Reparaturpläne wie er sich selbst.
Dann kam Hilfe aus Neuseeland – telefonisch. Der Mechaniker hörte sich unsere Schilderung an und meinte, das Wasser sei mit grosser Wahrscheinlichkeit bei schwerem Seegang über den Abgasschlauch von aussen in den Motor gelangt.
Wir hatten zwar in den letzten Tagen bereits Wasser in der Bilge des Motorenraums festgestellt, es aber noch als harmloses Spritzwasser von oben interpretiert.

Es half also nichts: Das Motorenöl/Wassergemisch im Motor musste abgelassen werden.
Zum Glück hatten wir noch genügend neues Öl an Bord, und in der vergessenen Kiste fand sich auch ein neuer Ölfilter. Es fehlte nur noch ein passender Behälter für das alte Öl. Wobei „altes Öl“ zu diesem Zeitpunkt bereits ein erstaunlich dehnbarer Begriff war.
Die Ablassschraube wurde gefunden, und Martin zwängte sich mit beeindruckender körperlicher Verwindung hinter den Motorblock. Nach einigem Improvisieren und einer Portion Gewalt im Rahmen des technisch Vertretbaren liess sich die verklemmte Schraube tatsächlich lösen.

Und dann kam – Wasser.
Nicht ein bisschen.
Nicht ein paar Tropfen.
Sondern rund sechs Liter - wo eigentlich nur Öl fliessen sollte.
Erst danach folgte endlich die schwarze, zähe Flüssigkeit, die wir eigentlich von Anfang an erwartet hätten. Noch nie in meinem Leben war ich so erleichtert, etwas derart Unappetitliches zu sehen.
Der Ölfilter wurde gewechselt. Neues Öl eingefüllt. Die Batterie ordentlich befestigt, damit diese bei Wellengang nicht gleich wieder ihr eigenes Abenteuer beginnt.
Dann kam der nächste Moment der Wahrheit.
Mit Herzklopfen stellte ich mich hinter das Steuerrad. Martin gab das Zeichen. Ich startete den Motor.
Und diesmal sprang er an.
Ganz normal.
Ganz friedlich.
Ganz so, als hätte er nicht kurz zuvor noch versucht, sich selbst zu ertränken.
Wir hatten wieder einen funktionierenden Motor und einen funktionierenden Generator.
Natürlich nicht ganz ohne Nebenschauplatz. Denn die Batterie für Bugstrahler und Ankerwinsch sass nun im Motorenraum. Das bedeutete für den nächsten Ankerstopp: zuerst Batterie wieder im Bug einbauen, damit wir beim nächsten Verlassen der Ankerbucht den Anker überhaupt heben können. Danach wieder ausbauen und zurück in den Motorenraum tragen, damit wir den Motor erneut starten können.
Ein Ablauf, der nicht direkt unter „elegant“ läuft. Aber immerhin funktioniert.
Und manchmal ist das auf einem Boot mehr, als man realistischerweise verlangen darf.
Wir beschlossen daher, uns mit den Details dieser zukünftigen Turnübung erst dann zu beschäftigen, wenn sie tatsächlich ansteht. Im Moment waren wir einfach nur froh, dass Motor und Generator wieder liefen. Denn hätte sich der Generator endgültig verabschiedet, wären wir spätestens nach zwei Tagen ohne Strom gewesen – also ohne Navigation, ohne Autopilot, Internet, ohne Licht und ohne Möglichkeit, Handys oder Computer zu laden. Und da uns in den nächsten Tagen auch noch Flaute und später Nordwind erwarten, hätte sich das ohne Motor alles sehr schnell zu einer Geschichte entwickeln können, die ich deutlich weniger gern erzählen würde.
Aber genug davon.
Wir haben wieder funktionierende Maschinen.
Wir haben wieder Optionen.
Und wir wissen nun, dass wir es problemlos und rechtzeitig auf Anfang Mai nach Fiji schaffen werden.
Manchmal ist Glück auf See eben nichts Grosses. Manchmal ist es einfach nur ein kühler Drink zum Sonnenuntergang als Belohnung nach einem etwas stressigeren Tag.

Und Makani?
Die macht weiterhin, was sie am besten kann: Sie bringt uns zu Traumdestinationen – nur selten auf direktem Weg und fast nie ohne ihre ganz eigene Vorstellung von Dramaturgie. Genau dafür lieben wir sie. Auch wenn wir das in gewissen Momenten etwas überzeugter sagen als in anderen.
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