Teil 28 - Vom Regen in die Trauffe
- Denise Romer
- vor 1 Tag
- 8 Min. Lesezeit
Die Bucht von Samana, in welcher wir uns momentan aufhielten war nicht nur bekannt als Walbucht. Nein, sie beherbergte noch einen ganz anderen Schatz. Nämlich die mit dem 1989 mit dem Bacardi berühmt gewordene Insel. Eigentlich heisst die Insel Cayo Levantado und wenn man ohne viel googeln daran vorbeifährt würde nicht das Geringste darauf hindeuten. Doch der Bacardi musste warten, denn wir hatten vorerst noch andere Pläne.

Unser Wille, nach Walen zu suchen war immer noch ungebrochen. Vor allem seit wir vor ein paar Monaten mit Pottwalen geschnorchelt sind. Ob sich das auch mit Buckelwalen machen lassen würde, wollten wir nun herausfinden.
Nach dem Frühstück segelten wir den Walbeobachterbooten hinterher und verfolgten sie mit dem Feldstecher. Lange Zeit war kein Anzeichen von Wasserfontänen auf dem Meer zu sehen. Doch dann plötzlich entdeckten wir die Ersten Anzeichen in der Ferne. Dieses Mal holten wir die Segel schneller ein und starteten erneut den Motor. Vreni sass auf der Flybridge und versuchte in alle Richtungen die Sprays zu entdecken. Irgendwann rief jeder von uns auf einer anderen Seite: „Da, links! Hier 12 Uhr, da Steuerbord, da…! Im Versuch in alle Richtungen zu schauen, war Vreni fast schon ein wenig enttäuscht und meinte nur: „Ich gsehs nid! Wo sind denn die Sprays?“
Von der Flybridge hangelte sie sich zu Ronin durch das Cockpit, der dort eben noch rief: „Do uf 3 Uhr! 200m!“ Um eine bessere Sicht zu erhalten hielt sie sich an der Steuerbordwanten fest. Just in dem Moment stiess ein grosser Buckelwal keinen Meter entfernt von Vreni und mir seine Wasserfontäne in die Höhe.

Was für ein Schreck und was für ein schöner Anblick gleichzeitig! Wir schauten dem Wal hinterher, wie er in seinen ruhigen Bahnen davon schwamm. Näher ging definitiv nicht! Fast so, als ob er Vreni mitteilen möchte: ‚Hier bin ich! Hast du mich gesehen?’ Wir freuten uns einerseits und andererseits war es dann doch auch ein wenig zu nah. Obwohl die Schiffsschraube nicht lief, wollten wir auch keines der Tiere verletzen und nach den Story von Gibraltar mit den Orcas auch nicht wirklich ein Ruder verlieren oder im schlimmsten Fall gar zum sinken gebracht werden. Nicht, dass man sowas jemals von Buckelwalen gehört hätte. Aber sicher ist sicher.
Der Höhepunkt unsere Walsichtung war somit besiegelt und der Entschluss gefasst, einen Bacardi Cola auf der Bacardi Insel zu trinken. So eine uralte Werbegeschichte wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die Sonne stand schon tief, als wir vor der Insel den Anker in den Sand liessen. Ein grosses Kreuzfahrtschiff hatte wohl ebenfalls die gleiche Idee gehabt und ankerte an unserer Seite. Mit dem Dingi gings nun in rasantem Tempo auf die Insel. Doch was uns erwartete war alles andere als was wir uns vorstellten. Anstelle einer schönen Sunsetbar mit viel Bacardi liefen wir vom Schiffsteg zum Strand durch Reih und Glied stehende hölzerne und vor allem bereits geschlossene Souvenirstände.
Während Vreni und die Jungs sich am Strand einmal mehr ins Wasser wagten, suchte ich nach einer Möglichkeit etwas zu trinken für uns zu finden. Es konnte ja nicht sein, dass es auf dieser Insel nicht mal einen Sunset-Drink geben sollte.
Ein junger Mann mit Rasta sang voller Eifer zu seinem aus einer Musikbox dröhnenden Reggae. „Du musst wohl der Beachanimator sein? Dann weisst du bestimmt, wo man hier noch etwas zu trinken bekommt“, quatschte ich ihn auf Englisch an. Er lachte bejahend und schickte mich zu einem kleinen Holzhäuschen. Mit 1 x Coco Loco, 2 Pina Colada und einem Bier kehrte ich zu meiner, gerade aus dem Wasser steigenden, Truppe zurück. Gerade rechtzeitig, um den Drink passend zur untergehenden Sonne geniessen zu können.

Während Ronin unsere anschliessende Tanzeinlage am Strand kopfschüttlend und lachend filmte, fühlten wir uns für einmal nochmals zurückversetzt in die Vergangenheit, als es noch aus dem UKW-Radio und dem Röhrenbildschirm dröhnte: „Bacardi Feeeling, it has never been so easy, What a feeling….“ Der Ohrwurm hat sich zumindest bei uns etwas älteren Besatzungsmitgliedern für Jahre festgebrannt. Und genau so fühlten wir uns gerade. Vermutlich auch dem etwas kräftig mit Alkohol angemachten Drinks geschuldet.

Am nächsten Morgen mussten wir leider schon aufbrechen, um die Walbucht ein weiteres Mal zu durchqueren. Diesmal sollte uns Makani nach Misches bringen. Dort würde Vreni sich bereits mit Martin auf den Weg zum Flughafen begeben müssen.
Beim Frühstück nahm dann aber das Schicksal bereits seinen Lauf, als ich das Trinkwasser aus dem Küchenwasserhahn mit einem deutlichen Nein von mir wies. „Das schmöckt echt grusig!“ erwiderte ich Martin’s und Ronin’s fragende Blicke. Beide meinten kopfschüttelnd, dass das Wasser wie immer schmecke. Ich würde diese Brühe jedoch nicht mehr trinken, das war klar.
Wir machten uns auf den Weg nach Miches und ich nutzte die Zeit, um die Wachmaschine mit einer Ladung dreckiger Wäsche zu füttern. Komischerweise startete das Programm nicht richtig. Schon nach kurzer Zeit blinkte das Display mit einer Fehlermeldung. Ich wiederholte den Versuch ein paar weitere Male, bevor ich aufgab und die nasse Wäsche kurzerhand an die Reeling klammerte.
Ronin schien mir ebenfalls nicht den glücklichsten Gesichtsausdruck zu haben, als ich in den Salon zurück kam. Nach dem Frühstück hatte er die Geschirrwaschmaschine bis oben hin beladen. Doch auch diese verweigerte heute ihren Dienst. Nanu, was war denn hier los?
Zuerst Emma und nun auch noch Esthi? Als dann Martin auch noch feststellte, dass die Nespressomaschine keine Anzeige hatte und beim Backofen die Uhrzeit nicht mehr blinkte, wussten wir, dass wir definitiv einen Stromausfall hatten. Gut, das war ja nicht der erste Mal. Die Sicherung liess sich immer wieder einrasten und die Geräte liefen danach wieder ausnahmslos. Esthi und Emma hatten jedoch Strom, aber waren in der Funktion eingeschränkt. Ich wagte mich mal wieder ein wenig Besserwisserisch hervor und sagte salopp, dass ich da eine Verbindung mit dem übel riechenden Wasser schon herstellen könne.
„Wänd ihr nid mal in de Wassertank luege, öb det nid öpis d Leitige verstopft? Cha ja sie, dass sich det drin was gfange het.“ Ich verkniff mir in diesem Augenblick noch die Aussage, dass es vielleicht mit dem aus der Schiffsdachrinne gesammelten Regenwasser zu tun haben könnte. Glücklicherweise kam Martin im gleichen Moment selber auf diese Idee.
Plötzlich machte es auch für ihn Sinn, dass die Spülung der WC’s nicht mehr viel Wasser lieferte und der Geruch aus den Toiletten für Nichtmakanier wohl eher an einen im Sommer frisch geworfenen Kuhfladen erinnern würde.
„Denn müend ihr halt mal de Wassertank ufschrube und ineluege“, meinte der Captain
„Ay Ay Sir!“ Wird doch kurz schnell mal gemacht. An dieser Stelle sei mal erwähnt, dass sich der Wassertank unter dem Bett im Mittelschwimmer befand. Die war nicht das eigentliche Problem. Seit dieses Gästezimmer in den letzten Wochen nicht mehr in Benutzung war, wurde es von den Jungs kurzerhand zur Allerlei - Gerümpelkammer umfunktioniert. So lagen auf der Matratze nicht nur 2 Fahrräder, ein zerbrochenes Surfboard, ein Stuhl und meine Gitarre sondern es waren auch noch jede Menge elektrische Maschinen in der Koje abgestellt. So musste also als aller Erstes das Bett befreit werden, damit dann unter der Matratze der Wassertankdeckel aufgeschraubt werden konnte. Doch dieser Gedanke war noch nicht einmal zu Ende gedacht, war Ronin bereits dabei in der Küche den Geschirrspüler in seine Einzelteile zu zerlegen. So füllte sich der vorher noch ziemlich gut aufgeräumte Tisch im Salon sowie der Aussentisch und alle Bänke in Kürze mit Material.
Nach dem Geschirrspüler ging es direkt weiter mit den Wasserschläuchen, welche das Spülwasser in die Toiletten beförderten. Die dortigen Wasserfilter waren ebenfalls von Schmutzwasser schmierig und verstopft. Kein Wunder, dass immer weniger Wasser in die Toilettenschüssel fliessen konnte.
Als mir dann auch noch aus der Bilge diverse vierbeinige Kreaturen über den Weg liefen, blieb uns nichts anderes übrig, als auch die Stauräume in den Bilgen auszuräumen.

Ich hatte den Überblick schon fast verloren und bahnte mir eine Weg zur backbordseitigen Skipperkabine. Dort befand sich der Wasserstaubsauger. Denn beim Blick unter die Buckskisten hatte ich ein wenig Wasser in den Bilgen festgestellt und wollte dieses ebenfalls nach draussen befördern. Beim Weg nach oben lief mir Ronin bereits entgegen, der sich mit Steckschlüssel, Schraubenzieher und Taschenlampe bewaffnet auf dem Weg zum Wassertank befand.
Martin hatte von dem weiteren Folge-Schlamassel noch nicht viel mitbekommen, den er war kurzerhand mit dem Dingi zum Land gefahren, um ein Taxi zum Flughafen zu organisieren. Als er jedoch zurück kam und das von uns veranstaltet Chaos auf seinem Schiff erblickte, blieb auch ihm die Kinnlade unten. Ich sah ihn an und entnahm seinem Blick und seinem nach vorne geschobenen Unterkiefer, dass er froh war, die nächsten Stunden nicht auf der Makani verbringen zu müssen. Am Abend würde er bereits mit einem neuen Gast vom Flughafen zurückkommen. Bis dahin sollte Makani eigentlich in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlen.
Tja, das war mal eine Ansage für Ronin und mich. Was für eine Challenge! Die Bettwäsche musste gewaschen und die Gäste-Kabine gereinigt werden. Doch zuerst musste der Wassertank entleert und gereinigt werden. Dies hatte zur Folge, dass dadurch weder Waschmaschine noch Geschirrspüler in Betrieb genommen werden konnten. Obwohl diese ja momentan sowieso nicht funktionierten. Also an welchem Ende der Leine musste hier gezogen werden?

Darum mussten wir uns jedoch später kümmern. Denn nun hiess es erstmal Abschied nehmen von Vreni, welche uns wohl lieber noch ein wenig länger unter die Arme gegriffen hätte in dieser leicht stressigen Situation. Der Abschied fiel uns allen schwer. Doch wir wussten, dass die Tage für Martin’s Mama und für uns wohl unvergesslich bleiben würden.
Martin marschierte den Pier entlang mit seiner Mama und Ronin und ich setzten mit dem Dingi zurück zur Makani. Es wartete eine Monsteraufgabe auf uns. Wir waren bereit, unserem Captain zu zeigen, dass er die beste Crew an Bord hatte.
Nachdem Ronin den Wassertank komplett entleert und fein säuberlich ausgewaschen hatte ging es weiter zur nächsten Baustelle. Das Regenwasser, welches direkt in den Tank geleitet worden war hatte seine Spuren hinterlassen. Die Filter der Wasserpumpen waren verstopft und dreckig. Doch nun mussten wir erstmal mit dem Wassermacher wieder Wasser produzieren. Unser Wassermacher konnte pro Stunde rund 70 Liter Meerwasser in Trinkwasser aufbereiten. Bei einem Wassertank der Grösse unseres Segelboots bedeutete dies rund 7 Stunden. Jetzt hiess es also erst mal eine Runde Wasser-Zwangspause. Um die Pumpen und anschliessend die Waschmaschine und den Geschirrspüler wieder in Betrieb zu nehmen bräuchten wir erstmal wieder Wasser im Tank.
Die Zeit nutzten wir, um die Bilgen mit den sauberen Buckskisten auszustatten und die Lebensmittelvorräte, die nun käferfrei waren wieder darin zu verstauen. Ronin gab das ok für die Wasserstandsfüllmenge und ich startete den ersten Wäschedurchgang. Schnell startete ich das Programm und starrte entgeistert auf die Anzeige. Die Waschmaschine wollte immer noch nicht. Das Programm zeigte weiterhin die gleiche Fehlermeldung. IE - Internal Error! (Was soviel hiess wie ein Fehler innerhalb de Maschine.)
Kurzerhand demontierte Ronin die Waschmaschine und verwandelte nun auch die Waschküche in ein weiteres Chaos. Ich versuchte nun wenigstens die Gäste-Koje mittels Dampfreiniger sauber zu bekommen. Die Zeit rückte voran und wir standen noch immer inmitten des Chaos. In nicht mal mehr zwei Stunden würde Martin mit seinem neuen Gast am Pier auf das Makani-Taxi namens 'Flippy' warten. Aus der Waschküche hörte ich weitere undefinierbare Selbstgespräche von Ronin. Hatte er doch tatsächlich auch noch den oberen Deckel entfernt und im innersten der Maschine eine weiteren etwa 5cm grossen Filter entdeckt, welcher mit Schmutz verstopft war. Kaum war dieser gereinigt, nahm auch unsere Emma ihren Dienst wieder auf.
Ronin und ich arbeiteten in Windeseile und verstauten Werkzeuge, Velos, Maschinen, Wäsche, Geschirr und Lebensmittel in diversen Schränken und Räumen.
Da kam gleichzeitig der Funkspruch von Martin über Kanal 72. „Makani, Makani vo Landcrew, kommen!“ Ich eilte zum Funkgerät und quittierte so gelassen wie möglich: „Makani verstande, antworte!“ Im Hintergrund hörte ich Ronin gerade fluchen. Das hörte sich nicht gut an. „Fuck, jetz isch de Rissverschluss na zur Sau gange!“ Am Funkgerät hörte ich erneutes: „Makani, Makani vo Landcrew. Erbitten es Taxi an Steg. Mir sind do und warten!“ Ich schaute auf Ronin und dekorierte den Salon zu Ende bis ich wieder ans Funkgerät ging. „ Hier Makani, verstande! Taxi fahrt in 5 Minute los!“
Ich sah zu Ronin, der gerade mit Nadel und Faden das Vorzelt wieder befestigte. „Guet, die 5 Minute bruchen mir gnau na!“
Ich sah mich im Salon um und ging noch einmal kurz durch die Räumlichkeiten. Alles war an seinem vorgesehenen Platz und der Salon war bereit für neue Abenteuer mit der neuen Besatzung. Und dass diese wohl nicht lange auf sich warten lassen würde, das war bei unserer Truppe wohl schon fast Programm...

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