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  • AutorenbildDenise Romer

Teil 9 - Pleiten, Pech und Abenteuer

Die erste Nacht in der Biskaya war überstanden. Noch immer waren die Wellen gut 4m hoch, wenigstens nun von achtern. Das bedeutete, dass nun auch der Wind von der richtigen, angenehmeren Richtung kam. Da die Wellen jedoch einiges schneller waren als unser Boot hob jede Welle das Heck der Makani in die Höhe und bescherte uns eine Beschleunigung wie auf einer Achterbahn. Das Absurfen der Wellen torpedierte uns auf mehr als das doppelte Tempo, was erstaunlicherweise ein unglaublich schönes Gefühl war.

Nachdem die gesamte Crew wieder an Deck vereint war und wir gemütlich unser Frühstück eingenommen hatten, war es Zeit eine Bestandesaufnahme zu machen.

An den Wellengang hatten wir uns bereits nach den wenigen Stunden gewöhnt und so bewegten wir uns ohne Probleme auf dem Segelschiff. Schnell wurde uns klar, dass die vergangene Nacht nicht nur zum Umwerfen diverser Küchengeräte geführt hatte sondern auch der Bootshaken und unser Rettungsring ein Opfer des Meeres geworden sind. Darüber war Martin, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, alles andere als erfreut. Wenigstens bestand in den Tagen in Portugal oder Spanien die Möglichkeit, diese Sachen wieder zu ergänzen. 

Im Verlauf des Tages wurden die Wellen dann ein wenig ruhiger und kamen in einem sehr gemütlichen zeitlichen Abstand, sodass wir alle ohne Probleme den Tag an der Sonne geniessen konnten.

Aufregung entstand dann kurz nach Mittag, denn wir hatten einen erfreulichen Besuch entdeckt. Hinter unserem Boot schoss eine Gruppe von Delfinen aus den Wellen heran und vollführten einen Tanz mit unseren Bugschwimmern. Ein unglaublich schönes Schauspiel, dem wir fast eine Stunde lang zuschauen durften.

Ich begab mich anschliessend in die Küche und versuchte uns einen Kuchen zu backen, wurde jedoch von fremdartigen Klängen bei meiner Tätigkeit unterbrochen. Ich sah mich erst in der Küche um, und stellte fest, dass diese Ohrenschmerzen verursachenden Geräusch von der Flybridge her kommen mussten. Neugierig ging ich den Klängen nach und hatte schon bald des Wurzels Übel entdeckt. Oben angekommen sass Carlos, welcher glückselig die Saiten seiner neuen Ukulele vergewaltigte. Ich verkniff mir mein Grinsen und auch meine bereits auf der Lippe liegenden Sprüche. Obwohl das Geklimper den Ohren nicht gerade schmeichelte, war es doch bewundernswert wie Carlos bei dem Wellengang seelenruhig seinem Ukulelekurs nachging. Es erinnerte mich mal wieder, dass ich doch eigentlich mal Gitarre spielen lernen wollte. Bei meiner nächsten Rückkehr auf das Boot würde diese wohl ebenfalls Einzug in die Makani finden.




Die folgenden zwei Tage verliefen fast gleich. Diejenigen die keine Wache halten mussten, beschäftigten sich mit schlafen, lesen oder sogar jassen. Die Wellen hatten sich auf ein erträgliches Mass reduziert und so war das Segeln deutlich entspannter geworden. Auch konnten wir endlich unseren Wingaker setzen und liessen uns mit dem schönen blauen Schildkrötentuch in Richtung spanische Küste pusten. Unsere Delfinfreunde verfolgten uns auch die kommenden Tage und statteten uns zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten ihren Besuch ab. Eigentlich hätten wir gar keine Delfine sehen dürfen. Aufgrund der Besorgnis von Martin über eine Begegnung mit den Orcas hatte er sich eigens zu diesem Zweck einen Orca-Pinger zugelegt. Dieser wäre dazu da gewesen, Wale und auch Delfine von unserem Boot fernzuhalten. Ich hoffte, dass dieses Gerät auch tatsächlich seinen Dienst erfüllte. Unsere kleinen Spötteleien über den Orca-Pinger musste Martin aber dann doch die ganze Fahrt über ertragen. Der Orca-Pinger war somit bei jedem Besuch der Delfine wieder einen Spruch wert.

Unsere Nachtschichten durften wir unter klarem Sternenhimmel verbringen. Auf dem Ozean waren die Sternbilder zum Greifen nah. Kein Licht trübte den Blick ins unendliche Universum. Erstaunlicherweise waren zu dieser Jahreszeit auch unzählige Sternschnuppen zu sehen. Obwohl wir alle noch viele Wünsche offen hatten, gingen uns auch diese bei den Unmengen an fallenden Sternen aus. So sassen wir einfach meist still in Decken eingewickelt auf der Flybridge und genossen dieses Naturspektakel.

Die unendliche Weite des Ozeans wurde uns in solchen Momenten bewusst. Hatten wir auf unserem Radar nur sehr wenige Boote, die uns auf unserer Route begegneten. Und wenn wir trotzdem eines entdeckten war dieses meist noch ein paar Segel-Stunden von uns entfernt. Trotz allem durfte man den Radar nicht ausser Acht lassen und auch der Horizont musste von Auge abgesucht werden. Vor allem in Küstennähe erwarteten wir unbeleuchtete Fischerboote, was eine erhebliche Gefahr bergen könnte. Schnell hatte man so etwas übersehen und könnte bei Unachtsamkeit zu einer Kollision führen. Geschichten anderer Segler lauschend wusste man, dass sogar Segelboote schon mit den grossen Frachtschiffen zusammengestossen sind. Bei den Dimensionen und der ganzen Beleuchtung dieser Tanker und Frachter konnte ich mir das kaum vorstellen. Sprechen wir hier nicht über eine Länge von ein paar Metern sondern über mehrere hundert Meter. Da fragt man sich schon, ob diese Segler möglicherweise durch ein Ukulelespiel oder aufgrund von Gesellschaftsspielen abgelenkt waren.

In der folgenden Nacht frischte der Wind nochmals auf. Martin und ich hatten gerade unsere Schicht angefangen. Wir sahen fast gleichzeitig auf die Windanzeige und waren uns einig, dass es wohl nicht schaden würde, ein Reff zu setzen. So belegten wir die Winchen mit den entsprechenden Seilen, um das Grosssegel zu verkleinern. Praktischerweise war unsere Makani mit elektrischen Winchen ausgestattet, was es um einiges einfacher machte, die Segel zu setzen oder zu bergen. So betätigten wir die Taster für die entsprechenden Winchen, als diese urplötzlich nicht mehr funktionierten. Nanu, was war denn nun los? Konnte es tatsächlich sein, dass uns gerade die Sicherung durchgebrannt war? Den Gedanken schoben wir mal vorerst beiseite. Bei Tagesanbruch und mit mehr Licht würden wir diesem Mysterium auf den Grund gehen. Die Handkurbeln mussten nun schleunigst her und mittels Handarbeit refften wir schliesslich das Gross. 

Nachdem der erste kleine Adrenalinschub überwunden war, die Instrumente gecheckt und die Sicherheit bestand, dass keine Schiffe oder Regen zu erwarten war setzten wir uns mit einem frischen Kaffee gemütlich auf die Flybridge.

Kaum hatten wir uns schliesslich hingesetzt, kam auch schon Timon mit der Decke in der Hand, gefolgt von Ronin zu uns hoch. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht teilten sie uns mit, dass sie gerade mit der letzten Welle ihre Koje geflutet hatten und nun das komplette Zimmer nicht nur nass war sondern wegen der fluoreszierenden Algen auch noch grün leuchten würde. Das war ja mal wieder ein Anblick, der auch bei uns für Gelächter sorgte und uns wieder einmal daran erinnerte die Luken bei Wellengang doch lieber geschlossen sein sollten . So legten die zwei sich vorne aufs Sonnendeck und waren, eingehüllt in die Fleecedecken, auch schon wenige Minuten später wieder eingeschlafen.




Der Morgen des 24. Novembers begrüsste uns mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Wie von uns erwartet, sollte es ein Tag mit sehr wenig Wind werden. Ideal also, um Arbeiten auf dem Boot zu erledigen und das Chaos der letzten 3 Tage zu beseitigen. 

Am nächsten Tag stand dann fest, dass wir tatsächlich eine 150 Ampere Sicherung durchgeschmolzen hatten. Dies Auszuwechseln wäre eigentlich keine grosse Sache gewesen, doch eine Ersatzsicherung war in unserem Bordinventar leider Fehlanzeige. Gemäss Hersteller würde vorher das Schiff sinken, als dass man diese Sicherung ersetzen müsse. Naja, anscheinend kriegten wir sowas blendend hin ohne grosses Tata. Was mich ehrlich gesagt nicht weiter verwunderte nach den letzten Wochen. Und doch war es wieder mehr als nur lehrreich, dass wir in Zukunft erstens wussten, wo diese Sicherung sich befand und zweitens, dass man immer eine in Reserve  haben sollte. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als die kommenden Tage bis zum nächsten Hafen mittels Handarbeit zu segeln.

Glücklicherweise war der darauffolgende Tag fast komplett windlos und ersparte uns das Setzen der Segel. Bis zum Mittag war das Meiste dann auch geschafft und der Wind komplett eingeschlafen.

Jeder, der uns bisher mitverfolgt hat, kann sich nun vorstellen auf was für Ideen eine wassersportverrückte Crew kommt, wenn man mitten auf dem Meer bei strahlendem Sonnenschein keinen Wind in Sicht hat. 

Unser Dingi war schnell ins Wasser gelassen und das Foilboard zusammengebaut. Diese Chance war einfach zu einmalig um sich diese entgehen zu lassen. Sich auf dem offenen Meer hinter dem Beiboot übers Wasser ziehen zu lassen war einfach nur phänomenal. Dieser Tag wird definitiv als besonderes Highlight unserer ersten Überfahrt in unserem Gedächtnis abgespeichert. Ich bin auch zu 100% sicher, dass in Zukunft noch weitere solche Aktionen folgen werden.





Kaum hatten wir unsere Sachen wieder an Bord verstaut setzte erneut ein wenig Wind ein. Auch die Sonne sank langsam an den Rand des Horizonts und wir hatten noch gut 24 Stunden bis wir in Cascais eintreffen würden.

Nach gut 5 Tagen freuten wir uns auf die kleine Bucht, die wir uns für den ersten Landgang ausgesucht hatten. Viel konnte nun wohl nicht mehr passieren, waren wir nun doch schon ein eingespieltes Team geworden. 

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