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  • AutorenbildDenise Romer

Teil 4 - Abfahrt mit Hindernissen

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Dieses Sprichwort beinhaltet viel Wahres und sagt so eigentlich alles. Wer meine Geschichten bis hierher verfolgt hat, der weiss, dass unsere Zeit im Hafen von La Rochelle sich in die Länge zog. Teilweise aus uns ziemlich schleierhaften Gründen. 

Noch im Sommer hatte Martin geplant, seinen Geburtstag Mitte November an der Wärme zu verbringen. Sein Projekt Segelboot und die vorherrschenden Wetterkapriolen machten ihm jedoch ganz gehörig einen Strich durch die Rechnung. 


Mittlerweile wohnten wir, Martin, Carlos, Sino und ich schon seit ein paar Wochen auf dem Schiff. Langeweile kam aber bei keinem von uns auf. Die Tage flogen nur so dahin und die Vorbereitungsarbeiten für die Biskaya-Überquerung hatten begonnen.

Martin berechnete rund 5 Tage Überfahrt bis nach Porto oder Lissabon. Dort wollten wir einen kurzen Halt einlegen, um neu zu proviantisieren für den anschliessenden Törn nach Fuerteventura.


Endlich zeichnete sich tatsächlich mal ein geeignetes Zeitfenster in den Wetterprognosen ab. So machten wir uns mit den Fahrrädern auf, die Grosseinkäufe zu erledigen und unsere zur Verfügung stehenden Proviantboxen zu befüllen.





Haltbare Lebensmittel sowie Früchte und Gemüse mussten auf dem Schiff an allerlei Orten verstaut werden. Wer dies schon einmal gemacht hat, der weiss, dass es sich hier um eine ziemliche Wissenschaft handelt. Man musste schon sehr genau wissen, welches Gemüse oder welche Früchte zusammen am gleichen Ort aufbewahrt werden durften damit diese nicht sogleich anfingen zu schimmeln.

Kaum hatten wir die Lebensmittel jedoch sinnvoll verstaut und die Menüs für den ersten Törn vorgekocht, drängte sich ein weiteres Mal das schlechte Wetter dazwischen. Unser Abreisetag verschob sich einmal mehr auf ein unbestimmtes Datum in der Zukunft. Sich darüber aufzuregen brachte nichts. Die Verschieberei des Datums war bei uns mittlerweile zu einem weiteren Running-Gag geworden. Trotzdem fieberten wir nun langsam aber sicher dem Tag entgegen, an dem wir für immer ‚Adieu La Rochelle‘ sagen konnten.


Obwohl Martin am liebsten schon seit Monaten aus dem Hafen ausgelaufen wäre, kamen auch jetzt noch täglich weitere Punkte auf seiner Pendenzenliste zusammen. Der Hersteller des Trimaran spürte wohl, dass Martins Geduld mit den nicht so zügig voranschreitenden Arbeiten langsam aber sicher am Ende war und spendierte uns einen Eintritt in das etwa 2 Autofahrstunden entfernte ‚Futurama‘ inklusive Hotelübernachtung.

Die Abwechslung tat uns allen gut und so verbrachten wir zwei fröhliche Tage im Landesinneren von Frankreich. Hätte es Ostwind gehabt, wäre unser schallendes Gelächter in diesem Kinder-Freizeitpark bestimmt bis nach La Rochelle hörbar gewesen.




Mittlerweile war nun klar, dass auch der Rest der Makani-Crew nach La Rochelle anreisen musste. Ursprünglich war auch mal geplant, dass Ronin und Timon sich uns erst auf Fuerteventura anschliessen würden. Trotz unser aller Vorfreude, mit der gesamten Besatzung nun über die Biskaya zu segeln, brachte diese Tatsache jedoch ein paar organisatorische Probleme mit sich. Waren vorher genügend Schlafplätze vorhanden, fehlte nun ein komplettes Zimmer, da es bei der Lieferung der Matratze für Sino's Koje noch weitere Verzögerungen gab. 


Ok, es war nicht nur die fehlende Matratze. Überhaupt kämpften wir in den letzten Tagen mit allerlei Kinderkrankheiten des Schiffs. So ergaben sich aus einem Problem immer weitere. Einmal ein Problem lokalisiert, folgten die Weiteren wie Dominosteine. 

Der Regen setzte uns langsam zu, denn im Boot war immer alles irgendwie nass. Aufgrund des noch fehlenden Vorzelts gelangte das Regenwasser unserer klischtnassen Kleidung durch den Salon bis in die Kojen. Dies wäre nicht weiter tragisch gewesen, wenn man die Sachen  irgendwo zum Trocknen hätte aufhängen können. Doch aufgrund des immer noch nicht richtig funktionierenden Generators lief auch unsere Heizung nicht. Mittlerweile war die Feuchtigkeit in allen Kojen angekommen und diverse unserer Sachen in den Stauräumen verzeichneten schon Spuren von Schimmel. 

Heilfroh, dass jeder von uns tatsächlich auch noch Wollsocken mitgenommen hatte, begannen wir nun, langsam aber sicher, im Boot zu frieren. Ebenfalls konnte aufgrund der fehlenden Sonne die Bordbatterie nicht genügend geladen werden. Zwar war unsere Makani mit einem Stromkabel auf dem Bootssteg mit einer 230 V Steckdose verbunden, doch wegen des vielen Regens sprang auch da irgendwie permanent die Sicherung raus.

Als es uns dann eines Abends auch noch aus der Decke im Salon auf die Köpfe tropfte und wir feststellten, dass die Kabeldurchführungen der Solaranlage nicht abgedichtet waren, kratzte es nun bei uns allen so langsam am Geduldsfaden. Es blieb Martin jedoch nichts anderes übrig als kopfschüttelnd weitere Punkte auf seinen vielen Listen einzutragen. Ich für meinen Teil bewunderte seine Gelassenheit. Ich hätte wohl schon länger gehörig Lärm gemacht.


Eines Abends, wir sassen gerade in Wolldecken gewickelt beim Essen, ertönte auch noch der Bilgenalarm aus dem Steuerbordschwimmer. Sofort gingen Martin und Carlos auf die Suche nach dem eintretenden Wasser. Was zum Geier war denn nun schon wieder los. Ich folgte den aufgeregten Stimmen meiner zwei Freunde in die Waschküche, die da unten bereits knöcheltief im Wasser standen. Hoppla, da hatte ich wohl vergessen das Seeventil zu öffnen als ich die Waschmaschine in Betrieb genommen hatte, um unsere Kleidung zu trocknen. Trotz allem hätte die Bilgenpumpe das Wasser aus dem Schiff befördern sollen. Bei näheren Abklärungen wurde klar, dass die Pumpen falsch herum montiert waren. Glück also im Unglück, dass wir das noch vor der Abfahrt feststellen konnten.


Am 6. November war es dann soweit und Martin’s älterer Sohn Ronin traf zusammen mit seinem Freund Timon in La Rochelle ein und verbreiteten erstmal ein unglaubliches Chaos auf dem Schiff. Dass die Eigenschaft, innert kurzer Zeit überall ein Chaos zu produzieren, zu ihren Markenzeichen gehören würde, wusste ich da noch nicht. Obwohl ich auch nicht unbedingt eine Ordnungsfanatikerin bin, war dieser allgegenwärtige Chaos-Zustand weit ausserhalb meiner Komfortzone. Ich spürte, dass ich diese Zone mit den beiden Jungs, wohl oder übel, in den nächsten Wochen noch um einige Zonen erweitern durfte. Doch wie sagt man so schön im Coaching? Wachstum passiert nur ausserhalb der eigenen Komfortzone. Na darauf war ich ja mal gespannt!





Wie von Zauberhand erschienen in den nächsten Tagen plötzlich von überall her Arbeiter auf unserem Boot mit ausstehenden Einrichtungsgegenständen. So füllte sich das Boot nicht nur mit dem Chaos der Jungs sondern auch mit der endlich gelieferten Matratze, diversen Lattenrosten, Backskisten, Batylines und Sonnenstoren. Sogar das lang versprochene Vorzelt im Heck des Schiffs und oben beim Steuerstand wurde endlich in Angriff genommen. Gut möglich, dass die Arbeiter spürten, dass Martin’s Nerven langsam angespannt waren. Möglicherweise war der ausschlaggebenden Punkt aber auch, dass es für die Arbeiter ziemlich peinlich war, dass unsere zwei eigenen Bootsbauer, Ronin und Timon, innert kürzester Zeit mit höchster Professionalität die unglaublichsten Arbeiten am Schiff erledigten. In wenigen Stunden hatten die Beiden nicht nur das halbe Boot auseinandergenommen und zusätzlichen Stauraum geschaffen sondern auch noch eine Werkstatt eingerichtet, Lagergestelle und zusätzliche Böden in die Schwimmer eingebaut sowie einen Kräutergarten aus Vollcarbon in die Küche gezaubert. 




Wir waren erstaunt wie schnell nun gearbeitet wurde. Und endlich konnte Martin Punkt für Punkt auf seiner Todo-Liste abhaken. Nun bestand tatsächlich Hoffnung, dass wir mit einem vollends fertiggestellten Schiff auslaufen konnten.

Ronin meinte da nur, dass Segeln bedeuten würde, dass man sich einmal um die Welt bastelt im Versuch, das Schiff vor dem Untergehen zu retten. Wie recht er damit hatte, war uns Allen nun tatsächlich schon vor dem Auslaufen klar, auch wenn wir hofften, dass wir die allermeisten Probleme nun bei den Vorbereitungen gelöst hatten.

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